08.07.2021 | Nicole Franzke: Der ZUT 2021 – Mein ganz persönliches Abenteuer

von | Jul 8, 2021 | Aktuelles | 1 Kommentar

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die des kleinen Hobbits (Der Hobbit, J.R.R. Tolkien), der eines Tages völlig unerwartet seine Komfortzone verlässt, um auf ein Abenteuer zu gehen. Er wächst im Laufe der Geschichte über sich hinaus und entdeckt ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten an sich, ehe er geprägt vom Erlebten schließlich wieder nach Hause findet.

Der Zugspitz Ultratrail (ZUT) hatte für mich von Anfang an etwas von einem Abenteuer. Ich fand es verwegen, mich für einen Lauf in den Alpen über 25 km mit 1596 Höhenmetern anzumelden. Der kleine Hobbit hat mich inspiriert. Ich wollte auch einmal auf ein Abenteuer gehen, es über den Berg schaffen, genauso wie der kleine Hobbit. Auf einem Stein im Nirgendwo einen Keks essen, dieses Bild hatte ich im Kopf, als ich im September 2019 die Anmeldung abschickte. Ich wusste nicht, worauf ich mich eingelassen hatte, manchmal ist das wohl auch besser so.

Ein Abenteuer muss gut vorbereitet werden, in meinem Fall bedeutete das mehr und vor allem eine andere Art des Trainings. Den ZUT gib es seit 10 Jahren, er findet immer am 3. Wochenende im Juni statt. Eine gute Vorbereitung dauert 12 Wochen, also startete ich im März 2020 meine Vorbereitung mit vielen Höhenmetern und Krafttraining im Fitness-Studio. Dann kam Corona, der ZUT 2020 wurde abgesagt. Ich beendete meine Vorbereitung und war ganz froh darüber wieder innerhalb meiner Komfortzone trainieren zu können. Mein Startplatz wurde automatisch auf das Jahr 2021 übertragen.

Ich habe viel darüber nachgedacht, ob ein Hobbit-Abenteuer diese aufwendige und für mich so anstrengende Vorbereitung wert ist, aber irgendwie hat mich der Gedanke an den Keks auf dem Stein nicht losgelassen. Wie oft kann man auf ein Abenteuer gehen? Ich beschloss es noch einmal zu versuchen.

Also startete ich im März 2021 meine 2. ZUT-Vorbereitung mit einem von Martin speziell an meine Wünsche angepassten Plan und coronabedingt ohne Fitness-Studio. Um die Höhenmeter kam ich nicht herum, der Beckumer Höxberg und die Halde in Ahlen wurden mein Trainingsgebiet Nr. 1. Ich trainierte 5 Laufeinheiten in der Woche, zusätzlich Kraft- und Athletikübungen zuhause, soviel hatte ich noch nie trainiert! Anfangs fiel mir das ungewohnte Training schwer, ich wusste oft nicht, wie ich die nächste Trainingswoche schaffen sollte. Also gewöhnte ich mir den Blick auf den Trainingsplan ab und konzentrierte mich nur noch auf die nächste Einheit, die würde ich doch schaffen.

Ich muss dazu sagen, ich laufe am liebsten schnell und könnte ich mir den perfekten Lauf wünschen, so wäre es ein 5-km-Lauf mit dem Gefühl zu fliegen und er hätte nichts, aber auch gar nichts mit Bergen und Höhenmetern zu tun. Höhenmeter zu sammeln bedeutet sehr viel langsames Laufen. Gleichzeitig ist es sehr anstrengend (zumindest für mich) und beansprucht Muskelgruppen, die normalerweise nicht trainiert werden, alles in allem eine große Herausforderung für mich.

Der Weg ist das Ziel. Irgendwann habe ich die Challenge angenommen und war gespannt, ob ich es durch die Vorbereitung schaffe, ganz egal ob der ZUT nun stattfinden würde oder nicht, denn Corona war ja immer noch da.

Die Absage kam nicht wirklich überraschend, ein Laufevent mit 2.500 Läufern in Pandemie-Zeiten, nicht durchführbar. Der Startplatz wurde dieses Mal nicht automatisch übertragen, man hatte verschiedene Optionen zur Wahl. Ich entschied mich dazu mein Startgeld zu spenden, ich wusste einfach nicht, ob ich ein drittes Mal auf ein Abenteuer gehen wollte oder konnte.

Ich trainierte weiter, vielleicht könnten wir nach Grainau reisen (sofern denn reisen wieder erlaubt sein würde) und die Originalstrecke laufen. Der Gedanke an den Berg und das Höhenprofil, welches einem spitzen Hexenhut ähnelt, beflügelten mich und gaben mir die Kraft weiter die Anstiege rauf und runter zu laufen. Es war schön in dieser erlebnisarmen Corona-Zeit ein Ziel zu haben, so verwegen es auch sein mochte.

Die letzten drei langen Läufe der Vorbereitung liefen wir zu dritt, Martin, Sascha und ich. Der Baldeneysteig in Essen mit 30 km und 720 Höhenmetern (HM), der Hermannshöhenweg mit 22 km und 665 HM und schließlich die Originalstrecke des bekannten Hermannslaufs mit 31 km und 570 HM waren ein erster Vorgeschmack auf das, was uns beim ZUT erwarten würde. Ich fand es anstrengend, der ZUT hatte 1596 HM auf 25 km, wie sollte ich das schaffen?

Martin bestärkte mich und so reisten wir schließlich Mitte Juni tatsächlich nach Grainau, ein wunderschön gelegenes Örtchen direkt am Fuße des Zugspitzmassivs und in normalen Jahren Ziel des Zugspitz Ultratrails. Aufgrund der Wettervorhersage wählten wir Freitag, den 18.06.21 für unseren großen Lauf.  Sascha war ebenfalls nach Grainau gereist und wollte mit uns laufen.

Unser Abenteuer konnte beginnen. Ich war aufgeregt, aber auch froh endlich loszulaufen, ich wollte ins Gebirge. Von unserem Balkon aus hatte ich den höchsten Punkt unseres Laufs immer vor Augen, genau dorthin wollte ich nun.

Der Startpunkt des ZUT Basetrails ist mitten in der Fußgängerzone von Garmisch-Partenkirchen und so standen wir dort am Freitag Vormittag um 9 Uhr mit unseren Trailschuhen und Laufwesten mit Verpflegung und Notfallausrüstung und starteten ohne großes Aufsehen zu erregen, die Menschen dort sind Schlimmeres gewöhnt.

Es war anders als erwartet. Die ersten 10 km vergingen schnell und waren leicht laufbar, wir benötigten nur 90 Minuten dafür. Ich konnte es kaum glauben. Es waren „nur“ noch 15 km, wo war der Anstieg? Die Antwort gab uns ein eine Gruppe Wanderer an einer Kuhtränke, wo wir unsere Getränke auffüllten: „Ihr lauft den Basetrail? Dann geht’s jetzt los!“ und sie zeigten nach oben. Es ging los, aber es war nicht das, was ich erwartet und befürchtet hatte. Der Weg (wenn man es denn Weg nennen konnte, so schmal war er und manchmal kaum zu sehen) wand sich in Serpentinen den Berg hinauf. Es ging über Stock und Stein und manchen Baumstamm. Es machte Spaß, es war toll, ich liebte diesen Weg! Es ging fast nur bergauf, aber der Weg war so abwechslungsreich und die Natur ums uns herum so wunderschön, ich merkte die Anstrengung kaum. Es war warm, es sollte 28 Grad werden und wir tranken viel. Glücklicherweise füllten uns die auf dem Weg liegenden Almen unsere Flasks auf. In normalen Jahren übernehmen sie die Verpflegung für die Läufer, dann gibt es alles, was das Herz begehrt. Wir freuten uns über ein bisschen Wasser. Unsere komplette Verpflegung (Quetschies, Riegel) hatten wir am Körper, eine regelmäßige Energiezufuhr ist wichtig, um überhaupt über die Strecke zu kommen.

Wir schraubten uns immer höher den Berg hinauf, die Ausblicke wurden spektakulärer. Es wurde kühler. Gestartet waren wir in Garmisch-Patenkirchen auf 697 Metern (M), jetzt ging es auf den Osterfelderkopf, der auf 2029 M liegt. Auf 1705 M liegt die Hochalm, dort machten wir Pause und ich hatte Zeit für meinen persönlichen Hobbit-Moment. Kekse hatten sich als nicht tauglich erwiesen (zu krümelig), deshalb hatte ich sie durch eine belgische Waffel ersetzt. Auf einem Stein mit Blick auf das wunderschöne Alpen-Panorama genoss ich nun meine Waffel und Martin hielt diesen Moment bildlich fest. Zeit für Fotos sollte man sich bei solch einem Lauf unbedingt nehmen!

Es lagen nun nur noch 300 HM vor uns, auf 3 km wohlgemerkt. Ich hatte mich im Vorfeld am meisten auf diesen Abschnitt gefreut, es ging in den Felsen. Kein Baum, kein Strauch, nur noch Stein und Schnee. Leider ist es so eine Sache mit der Erwartungshaltung, denn hier war er nun: mein persönlicher Alptraum in Form einer breiten Schotterpiste, die einfach nur steil bergauf führte. Ich konnte es nicht fassen, wer baut so einen Weg auf einen Berg? Es nützte nichts, wir mussten hoch. Da kam mir nun mein ungeliebtes Training an der Halde zugute, bei dem mein Motto immer gewesen war „je schneller du anfängst, desto schneller bist du fertig“, also Augen zu und durch. Der Ausblick entschädigte für den Weg, ich fand es wunderschön und so gewaltig. Die Felsen, der Stein, der Schnee, es war toll! Wir kühlten uns mit dem Schnee ab, eine willkommene Erfrischung. Die Bergstation der Alpspitzbahn stellte den höchsten Punkt des Laufs dar und lud zu einer kleinen Pause ein, danach begann direkt der (steile) Downhill.

Jetzt war der Weg wieder ein Trail, schmal mit vielen spitzen Steinen. Kleine Treppenstufen führten in engen Kurven steil bergab. Höchste Konzentration war gefragt, ein verkehrter Schritt konnte böse enden. Bergrunter ging als deutlich schneller als bergauf. Zeit, die Landschaft zu genießen blieb nicht wirklich. Das technisch anspruchsvollste Stück des Downhills war der Jägersteig. Schmal, steil, durch Bachläufe und viel Geröll führte er ins Tal hinunter. Dann war es fast geschafft, es ging ein kurzes Stück durch den Wald und anschließend 2 km flach an der Straße entlang nach Grainau. Normalerweise endet der Zieleinlauf in einem Festzelt, man wird empfangen und gefeiert. Unser Zieleinlauf fiel etwas kleiner aus. Mitten im Nirgendwo stoppten wir unsere Uhren und erklärten unseren ZUT Basetrail nach einer Laufzeit von 04:52:51 Stunden für beendet. Da ist auf jeden Fall feiertechnisch noch Luft nach oben!

Wir waren und sind sehr stolz auf uns, dass wir es über den Berg geschafft haben. Ich fand es nicht so anstrengend wie erwartet, ich war zu keiner Zeit am Limit und das war ein gutes Gefühl. Es hat mir gezeigt, dass Training sich auszahlt. Egal, wie anstrengend die Vorbereitung auch war, ich habe es gut über den Berg geschafft. Ich konnte den Lauf genießen, das ist es, was für mich zählt.

Für Sascha war es hart, er musste kämpfen, aber er hat es geschafft und sich für das nächste Jahr vorgenommen den Trainingsplan akribisch abzutrainieren.

Martin hat uns toll begleitet und geführt. Er hat uns motiviert und bestärkt und dank seines Trainingsplans haben wir es über den Berg geschafft.  Es war ein unvergessliches Erlebnis für uns und definitiv das Abenteuer, das ich mit gewünscht hatte.

Martin und Sascha werden im kommenden Jahr wieder an der Startlinie des ZUT stehen und dann mit hoffentlich ganz vielen anderen Läufern gemeinsam auf der Strecke unterwegs sein.

Ob ich noch einmal auf das Abenteuer ZUT gehen werde? Ich weiß es nicht. Ich würde mir einen richtigen Zieleinlauf wünschen, aber lässt sich ein Abenteuer beliebig oft wiederholen? Verliert es dann nicht an Faszination? Ich vertage diese Entscheidung auf den September, dann müsste ich mich neu für den Lauf anmelden. Wie ich mich auch entscheide, ihr werdet es mitbekommen!

Das Höhenprofil "der Hexenhut"
Der Weg
Bild: privat
Mein persönlicher Hobbit-Moment
Die letzten Höhenmeter
Oben
Blick von oben auf Grainau
Bergab
Zielfoto
Unsere Runde